Biografie
Daehaeng Kunsunim

Als sie sechs Jahre alt war, wurde ihre Familie von den japanischen Besatzungskräften enteignet und aus Haus und Hof vertrieben. Sie fanden Unterschlupf in einer baufälligen Lehmhütte in den Bergen südlich von Seoul. Es folgten Jahre in bitterer Armut, geprägt vom täglichen Kampf gegen Hunger und Kälte. Ihr Vater – eine ehemaliger General der kaiserlichen koreanischen Armee – war über die Situation seines Landes und seiner Familie völlig verzweifelt. Seine Hilflosigkeit verwandelte sich allmählich in eine ohnmächtige Wut, die sich aus unbekannten Gründen gegen seine Tochter richtete. Dadurch kam es innerhalb der Familie zu großen Spannungen.

Um Eskalationen zu vermeiden, begann Kunsunim der elterlichen Hütte fernzubleiben. Sie wich in die Natur aus und verbrachte schließlich ganze Tage und Nächte draußen in den Wäldern der Umgebung. Anstatt sich aber von ihren Gefühlen der Angst und Einsamkeit überwältigen zu lassen, setzte nun eine sehr bemerkenswerte Reaktion ein. Wie sie später schilderte, begann sie, in ihrem Inneren Fragen zu stellen, große Fragen:
Ich fragte mich: „Warum ist die Zahl der Armen, der Hungernden und Kranken größer als die der Reichen? Welchen Sinn hat das Leben, wenn wir doch unter Krankheit leiden und schließlich sterben müssen?“ Diese Fragen nahmen mir den Lebensmut. Trotzdem fragte ich weiter: „Wer hat mich in diese Lage gebracht? Wer ist derjenige, der mich so geschaffen hat und nun hungern und leiden lässt?“ Diese Fragen raubten mir sogar den Schlaf. Schließlich ließ ich es auf eine Auseinandersetzung ankommen: Wenn du da bist, der mich geschaffen hat, dann zeige dich, ich möchte dich sehen! Wenn du nicht da bist, dann will ich nicht mehr leben und lieber auf der Stelle sterben.

Ohne der Wucht des Leidens auch nur im Geringsten auszuweichen, stellt sie eine Frage auf Leben und Tod: Birgt das leidvolle Leben, das sie selbst führen muss und das sie bei den Menschen um sich herum beobachtet, einen tieferen Sinn oder wäre es besser nicht zu leben?
In ihrem beharrlichen Suchen eröffnet sich ihr eines Tages urplötzlich ein innerer Ort, an dem sie Geborgenheit und Wärme findet. Bald tritt sie mit diesem Ort, den sie „Vater“ nennt, in einen intensiven Dialog.

„Wenn ich leise „Vater“ sagte, fühlte ich, dass der Baumstumpf, der Felsen, dass alle unbekannten Lebewesen meine Freunde wurden und mit mir den Atem teilten. Ich machte mir keine besonderen Gedanken, bat um nichts, auch nicht darum, dass er mir die Angst nähme. Niemals wünschte ich mir etwas, das sich auf Äußeres bezieht. Ich fühlte, dass er, der in mir ist, alles von mir weiß.“

Aus der innigen Beziehung zu dem „Vater“ entsteht ein grenzenloses Vertrauen. Dieses Vertrauen war es, das es Kunsunim ermöglichte, all ihre Probleme, ja ihre ganze Person, bedingungslos dem „Vater“ in ihr anzuvertrauen. Sie fragt, und sie bekommt Antworten, die sie oft genug nicht versteht. Dann tauchen neue Fragen in ihr auf. So beginnt ein anhaltender Prozess der Introspektion und Selbsterkenntnis. Auch wenn sich nicht all ihre Lebensfragen mit einem Schlag auflösten, hegt sie in ihrem Vertrauen keinen Zweifel daran, dass früher oder später die Antworten kommen werden. Gleichzeitig wächst in ihr das Bedürfnis, jenen inneren Ort, den „Vater“ in ihr, unmittelbar selbst zu erkennen. Allmählich wird dieser Wunsch zum alles beherrschenden Gedanken.

Als Kunsunim 19 Jahre alt war, wurde Korea von der japanischen Besatzung befreit. Ihr Wunsch, den inneren Vater zu sehen war ungebrochen. Ihrer inneren Stimme folgend zog sie als Einsiedlerin in die Berge, wo sie sich völlig der inneren Einkehr widmet. Völlig auf sich alleine gestellt, erlebt sie die Schrecken des Koreakrieges, steht mehrfach in großer Gefahr ihr Leben zu verlieren und gewinnt immer tiefere Einsicht in ihr eigenes Wesen. Eines Tages löst sich ihre drängendste Frage. Sie blickt, hoch auf einer Klippe stehend, auf einen Fluss hinab, der ruhig unter ihr dahinfließt und auf dessen Oberfläche sich ihre Gestalt wiederspiegelt. In diesem Moment erkennt sie mit ihrem ganzen Sein, dass der „Vater“, der Fluss und sie selbst eins sind.

Später hat sie über diese Zeit gesagt:
„Es war nie mein Ziel, etwas Bestimmtes zu erreichen. Ich wusste nicht, ob mein Weg der wahre Weg ist. Mein tiefster Wunsch war einzig und allein herauszufinden, wer ich bin. Niemand hat mich jemals in den Lehren des Buddha unterwiesen. Hingebungsvoll bemühte ich mich einzig und allein darum, herauszufinden, wodurch meine Handlungen und Gedanken hervorgebracht werden. Im Verlauf dieser Suche lernte ich es kennen, das wahre Selbst.“

1972 beendete sie ihre Wanderschaft und errichtete in Anyang, in der Nähe von Seoul, das Hanmaum Seon (Zen) Zentrum. Es war ihr tiefer Wunsch ihre in zehnjähriger Wanderschaft gewonnene Erkenntnis an die Menschen weiterzugeben, um ihnen ein Leben in Freiheit und ohne Sorgen zu ermöglichen.

Die letzten Jahre ihres Wirkens lebte sie in Seo San Djong, dem friedlichen Ort am Fuß des Samseong-Berges, wo nun ihr Körper gemäß dem traditionellen Zeremoniell dem Feuer übergeben wurde.

Eindrücke von Seo San Djong Teil 1:

Eindrücke von Seo San Djong Teil 2:


Eindrücke von Seo San Djong Teil 1


Eindrücke von Seo San Djong Teil 2:
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